Friday, January 06, 2006

Einleitung:

Der 1858 in Westfahlen geborene Franz Boas gilt als der Gründervater der Kulturanthropologie der Vereinigten Staaten, die durch den Four-Field Approach charakterisiert ist. Der durch ihn inspirierte Ansatz ist als Kulturrelativismus bekannt, wobei er „Kultur“ nicht als Synonym für „Zivilisation“ verstanden hat [1], sondern „in the plural sense, emphasizing the diversity of cultures and seeing cultures as contexts of learned human behavior“ [1a]. In folgendem Essay möchte ich auf die Bedeutung einer relativistischen Haltung, insbesondere in Bezug auf Ruth Benedict, eingehen und weitere Einflüsse kurz erwähnen.

Kulturrelativismus:

Wie aus dem Begriff schon ersichtlich wird, betont der Kulturrelativismus, dass jede Kultur relativ und somit nur aus sich selbst heraus zu verstehen ist. “It is necessary to understand cultures in their own terms and their own historical contexts before attempting generalizations.” [2] Es ist ein antievolutionistisches Konzept und betont die kulturelle Vielfalt und die Einzigartigkeit jeder Kultur. Erwähnenswert ist hier auch, dass Boas „race“, „language“ und „culture“ strikt von einander trennte.

Weiters differenziert man zwischen einem schwachen und einem starken Kulturrelativismus. Der schwache Kulturrelativismus geht einher mit der grundlegenden Prämisse Boas, die ich bereits oben erklärt habe. Der starke Kulturrelativismus sieht kulturelle Grenzen als unüberbrückbar. Ein Beispiel hierfür ist die linguistische Relativitätstheorie von Sapir und Whorf. [3]

Generell unterscheidet man einen deskriptiven Relativismus (kulturelle Variabilität prägt ein unterschiedliches soziales und psychologisches Verständnis in verschiedenen Gesellschaften), den normativen Relativismus (Kulturen beurteilen einander entsprechend ihren internen Standards – also gibt es keine universellen Urteilskriterien) und den epistemologischen Relativismus (der menschliche Geist und die Natur des Menschen sind kulturvariabel, dh. generelle Kulturtheorien sind falsch). Die normative relativistische Sichtweise unterteilt man weiter in einen kognitiven Relativismus und einen moralischen Relativismus, der sich auf spezifische kulturelle Werte bezieht und von Boas und seinen NachfolgerInnen vertreten wurde. [4]

„Boasians“:

Zwischen den Schülern Boas, den „Boasians“, gab es starke Differenzen, was nicht weiter verwundert, da der selbstkritische Boas selbst nicht davor zurück schreckte seine früheren Perspektiven zu revidieren. Damit im Zusammenhang stehen auch seine zwei Gedankenstränge, der historische und der psychologische/wissenschaftliche, die von seinen Studenten unterschiedlich aufgefasst wurden. Die erste Generation der Boas Schüler, welche vor dem Ersten Weltkrieg ausgebildet wurde, bezog sich generell auf den ersten Strang, wobei sie sich in ihrer Meinung in Bezug auf den Begriff der Kulturgeschichte stark unterschieden und auch im Gegensatz zu Boas standen (Kroeber, Sapir, etc.). Die zweite Generation, welche 1920 zu studieren begann, wurde vom zweiten Strang geprägt (Mead, Benedict, etc.). In weiterer Folge wurden die zwei Stränge kombiniert. Nach Stocking kann man auch zwischen strikten und rebellischen Boas-Schülern unterscheiden. Zu den wichtigsten Rebellen der ersten Generation, zum Beispiel, zählen, die schon genannten, Kroeber und Sapir.

Wie bereits erwähnt fand die Strömung der zweiten Generation in den 1920ern ihren Anfang als der historische Ansatz seine Bedeutung verlor. Der Boas’sche psychologische Strang wurde nun von der Gestaltpsychologie und der Psychoanalyse beeinflusst. Diese Perspektive wurde als die „Culture-and-Personality School“ bekannt, welche auch Benedict inkludierte, auf die ich nun näher eingehen möchte. [5]

Ruth Benedict:

Die 1887 in New York geborene Ruth Benedict zählt zu den Gründerfiguren der amerikanischen Anthropologie. Sie studierte unter Boas an der Columbia Universität, wo sie zu Boas’ rechter Hand für administrative Zecke wurde. Als Frau unterstützte sie Boas nur finanziell für Forschungsreisen und in Bezug auf deren Thema. Jedoch erlangte zu seinen Lebzeiten keine seiner Schülerinnen einen Lehrstuhl. Erst zwei Monate vor seinem Tod war es Benedict möglich eine akademische Position zu erhalten.

Die Sapir’sche Auffassung von Kultur und Individuen beeinflusste sie. Allerdings legte sie, im Gegensatz zu Sapir, ihren Schwerpunkt auf die Kultur. [6]

Wie bereits erwähnt vertraten Benedict und ihre Kollegen „the perspective (…) which emphasizes the ‚personality’ of whole cultures rather than individuals’ [7], die “Culture-and-Personality School”.

Da Benedict, die ihren Weg in die Anthropologie 1919 fand, sehr an der Poesie interessiert war und auch selbst als Dichterin fungierte, sprach man ihr einen hohen literarischen Stellenwert zu. Ihr Hauptwerk, welches auch eines der berühmtesten und meistverkauften Bücher unseres Faches ist, ist „Patterns of Culture“ (1934), welches unter Boas geschrieben wurde, aber eine stärkere Hinwendung zu psychologischen Aspekte aufweist als Boas’ Arbeiten. In diesem Werk stellt sie einen Vergleich dreier Gesellschaften an, den Zuñi (New Mexico), den Kwakiutl (Vancouver Island), die Boas ausführlich studierte, und den Dobu (Melanesien). In diesem Werk sind Einflüsse Nietzsches zu finden, der den appolinischen vom dionysischen Aspekt unterscheidet. Dem zu Folge beschreibt sie die Zuñi als apollinisch, also als der Harmonie und der Kooperation geweiht und Gegner des Individualismus. Die Kwakiutl erklärt sie als ein Beispiel für eine dionysische Gesellschaft, deren Attribute Emotion, Passion und Exzess sind. Das Potlatch gilt als eine typisch dionysische Institution. Für die Dobu, die als paranoid charakterisiert sind, ist die permanente Angst vor einander ein Normalzustand. Benedicts Fazit ist, dass das was normal in der einen Gesellschaft ist, in einer anderen als völlig abnormal gelten kann. Sogar die menschliche Psyche ist kulturabhängig, denn jeder Kultur sind bestimmte psychologische Syndrome inhärent.

Als ein Kritikpunkt an Benedict ist anzumerken, dass sie selbst kaum eigene Feldforschung betrieb. Viel eher nützte sie das Material anderer: für die Kwakiutl Material von Boas, für die Dobu von Fortune und für die Zuñi von Bunzel und Cushing. [8]

Mit diesem Werk fand der Höhepunkt des Kulturrelativismus statt. Dieser starke Kulturrelativismus ging aber nicht mit Benedict unter. In jüngeren Jahrzehnten wurde er

wiedererweckt.

Die „culture-and-personality school“ begann sich nach und nach der Forschung verschiedener Nationalcharakter zu zuwenden. Das waren Analysen, die gebraucht wurden, um das Verhalten bestimmter Gruppen vorherzusagen, was vor allem für das Militär während des Zweiten Weltkrieges von Bedeutung war. Die hervorstechendste dieser Arbeiten war Benedicts „The Chrysanthemum and the Sward“ (1946). Das „Office of War Information“ beauftragte sie, den Nationalcharakter der Japaner darzustellen. Wieder unternahm sie keine Feldforschungen, sondern betrieb nur literarische Studien und interviewte japanische Gefangene in den Vereinigten Staaten. [9]

Ruth Benedict starb 1948 in New York.

Schluss:

Für mich wird durch den Diskurs des Kulturrelativismus ersichtlich, dass es aus heutiger Sicht wichtig ist zwischen einem starken und einem schwachen Kulturrelativismus zu unterscheiden. Weiters halte ich es für lukrativ, starke und schwache Komponenten in bestimmten Phänomenen zu sehen. So enthält auch die linguistische Relativitätstheorie schwache kulturrelativistische Elemente. In ihrer schwachen Komponente hat die Sprache sicher Einfluss auf das menschliche Denken.

Quellenverzeichnis:

[1] Vgl. Silverman, Sydel, The United States, in The Halle Lectures, One Discipline,

Four Ways, 257-274, 2005

[1a] Silverman, Sydel, The United States, in The Hall Lectures, One Discipline, Four

Ways, 262, 2005

[2] Silverman, Sydel, The United States, in The Hall Lectures, One Discipline, Four Ways,

262, 2005

[3] Vgl. Silverman Sydel, The United States, in The Hall Lectures, One Discipline, Four

Ways, 257-274, 2005

[4] Vgl.)Barnard Alan, History and Theory in Anthropology, 99-100, 2000

[5] Vgl. Silverman Sydel, The United States, in The Hall Lectures, One Discipline, Four

Ways, 257-274, 2005

[6] .Vgl. Silverman Sydel, The United States, in The Hall Lectures, One Discipline, Four

Ways, 257-274, 2005

[7] Barnard Alan, History and Theory in Anthropology, 196, 2000

[8] Vgl. Barnard Alan, History and Theory in Anthropology, 99-105, 2000

[9] Vgl. Silverman Sydel, The United States, in The Hall Lectures, One Discipline, Four

Ways, 295-296, 2005

Sunday, November 20, 2005

DURKHEIM (1858/Elsass- 1917/Paris)
Referat von: Rosalie Schiffer und Gina Schmid

  • Universitätsstelle in Bordeaux; später zog er nach Sarbonne und unterrichtete dort bis zu seinem Tode
  • gründete 1898 "Année sociologique", ein interdisziplinäres Jopurnal, dass großen Einfluss erreichte
  • Abgrenzung vom Evolutionismus; sein Bruch mit dem Evolutionismus geht in Richtung gegenwartsbezug und nicht in Richtung Sprache ( wie bei Boas) Er hat sich mit einer Frage beschäftigt, die sich schon Rousseau gestellt hat, nämlich: Was ist es, das eine Gesellschaft zum inneren Zusammenhalt motiviert? Er konzentrierte sich vor Allem auf die staatenlosen Gesellschaften. Er war der Meinung, dass RELIGION und RITUAL staatenlose Gesellschaften zusammenhalten. Dies nannte er mechanische Solidarität, während er in industrialisierten Gesellschaften von einer organischen Solidarität sprach, weil es in industrialisierten Gesellschaften eine so starke Arbeitsteilung gibt. Dadurch wird jeder von jedem abhängig und das ist die eigentliche Grundlage für die Solidarität.
  • Durkheim bemühte sich sehr um die Nähe zu den übrigen Sozialwissenschaften. Dies war in der Anthropologie vor ihm eher unüblich.
  • Er war, wie auch sein Neffe M. Mauss, kein großer Feldforscher. Er gehörte somit zur letzen Generation von Armchair-anthropologen.
  • er prägte die strukturalistische Tradition, wie auch die funktionalistische Tradition. Zum Veispiel, bezog sich Radcliffe-Brown mit seinem Structural-Functionalism oft auf Durkheim.

Zu seinem WERK:

Generell ist zu sagen, dass Durkheims Altwerk wichtiger ist als sein Frühwerk.

  • "Über die Teilung der sozialen Arbeit" (1893)
  • "Die Regeln der soziologischen Methode" (1895): darin beschäftigt er sich mit der Soziologie, er gilt als einer der großen Begründer der Soziologie (neben der franz. Anthr.)
  • "Über den Slebstmord" (1897): es ist eine Monographie, die quasi den Fazit der beiden oben genannten Werke darstellt. Er untersucht darin, wie das katholisch geprägte Frankreich mit dem Phänomen des Selbstmordes umgeht. (Personen werden geächtet, Selbstmord als Sünde angesehen, nicht einmal am Freidhof beerdigt). Weiters zweigt er den Kontrast zwischen der negativen Bewertung hier (in Europa) und dem postivien Bild dort (z.B. Ozeanien)
  • "De quelques Formes Primitives de Classification" (1903): Hier wirkte auch Mauss mit. Es geht um die Frage, wie der menschliche Geist klassifiziert ist. Es wird ein enger Bezug zwischen der Gesellschaft und der Klassifikation der Natur postuliert. Beispile aus Australien, Nordamerika, China und antikem Griechenland. Man findet Elemente aus dem Struktur-Funktionalismus, Evolutionismus und Strukturalismus.
  • "Les Formes Élémentaires de la Vie Religieuse" (1912): Es geht um die Untersuchung von Religionen in frühen Gesellschaften. Er unterscheidet sakrale und profane Gesellschaften. Er nimmt die UNterscheidung zwischen sakralen und profanen Kulturen als universell geltend an, (was aber nicht stimmt). Er führt Theorien über den Ursprung an (z.B. Tylor: Anemismus, McLennon: Totemismus, Müller:Naturismus), wobei er den Totemismus bevorzugt. Er bindet hierbei auch seine Alltagserfahrungen ein, denn er stammt aus einer Zum Teil katholischen, zum Teil jüdischen Familie.